Frauen gründen anders
Frauen gründen anders

Seit 10 Jahren ist das u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln e.V. Organisator der Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten Deutschland, die durch die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung gefördert wird. 2019 waren neun Unternehmen vertreten, in denen ausschließlich Frauen die Gründung ins Leben gerufen haben. Drei davon berichten hier über ihre Erfolgsgeschichten.

Frauen gründen anders: Wie Female Entrepreneurship die Start-Up-Welt aufmischt

Seit 10 Jahren ist das u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln e.V. Organisator der Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten Deutschland, die durch die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung gefördert wird. 2019 waren neun Unternehmen vertreten, in denen ausschließlich Frauen die Gründung ins Leben gerufen haben. Drei davon berichten hier über ihre Erfolgsgeschichten.

Frauen gründen anders: Wie Female Entrepreneurship die Start-Up-Welt aufmischt

Drei als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ ausgezeichnete Unternehmerinnen-Teams zeigen, wie man mit Ideenreichtum und Durchsetzungskraft nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein kann, sondern gleichzeitig auch die Gesellschaft mit ausgeklügelten Innovationen verändert.

Dass eine fast heimlich unter dem Restauranttisch präsentierte Unterhose mal ihr Leben verändern würde, hätten die Berlinerinnen Kati Ernst und Kristine Zeller vorher wohl auch nicht geglaubt – aber eben so hat es sich zugetragen. Mitte 2017 war es, bei einem Ladies Dinner in Berlin, als eine Bekannte von Kati eine Period Panty aus der Handtasche zog: „Schau mal.“ Kati hatte von der speziellen Menstruationsunterwäsche aus den USA schon gehört: Sie sollte während der Periode getragene Tampons und Binden ersetzen. Die McKinsey-Beraterin war sofort interessiert. Wenn das gut funktioniert, wäre das eine einmalige Chance, um sich mit einem Unterwäsche-Modelabel selbständig zu machen, dachte sie. Schon lange haderten die langjährigen Freundinnen Kati und Kristine, die mehrere Einkaufsabteilungen von Zalando leitete, mit der Unflexibilität ihrer Jobs: viele Reisen, viele Meetings, noch mehr Telefonate und Videokonferenzen – und somit lange Bürotage. Gut vereinbar mit der Familie geht anders.

 

"Mit ooshi können wir uns nicht nur unseren Arbeitsalltag selbst gestalten – sondern auch aktiv am gesellschaftlichen Wandel mitwirken und Frauen empowern."

Innerhalb der boomenden Startup-Szene Deutschlands sind Frauen derzeit deutlich unterrepräsentiert: Im Female Founders Monitor von 2019 wird in den erfassten Neugründungen die Diskrepanz von 85% Gründern zu lediglich 15% Gründerinnen sichtbar. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zeigt der Bericht. Neben einer stärkeren familiären Eingebundenheit bilden auch Faktoren wie eine Zurückhaltung bei der Akquise von Unternehmenskrediten eine Rolle, die dazu führen, dass weiblich geführte Startups weniger ins Leben gerufen oder skaliert werden. Dennoch bieten gerade Frauenköpfe ein immenses sozioökonomisches Potential, insbesondere durch ihre tendenziell unterschiedlich ausgerichteten unternehmerische Wertschöpfungen. Frauen sind laut des Monitors stärker auf soziale und gesellschaftliche Themen bei einer Gründung fokussiert und tragen somit direkt zur innovativen Weiterentwicklung des Landes bei.

Mit ihrem Unternehmen ooshi haben sich die beiden Frauen ihren eigenen anspruchsvollen und zugleich flexiblen Job geschaffen und sind zum Role-Model für weibliches Unternehmertum geworden. „Wir wollten eigentlich nie gründen“, sagt Kristine. „Aber diese Chance war zu verlockend: Mit ooshi können wir uns nicht nur unseren Arbeitsalltag selbst gestalten – sondern auch aktiv am gesellschaftlichen Wandel mitwirken und Frauen empowern.“ Denn selbst im gefühlt so offenen und freien Berlin sei es in Teilen noch immer ein Tabu über die Periode zu sprechen. Langsam, ganz langsam und nicht zuletzt auch durch das Engagement der beiden ooshi-Gründerinnen ändert sich das aber. Dazu trägt auch die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der ooshi GmbH bei: Nach ihrem Debut mit einer Kickstarterkampagne im September 2018, hat unter anderem ihre breite mediale Aufmerksamkeit, die in einem Auftritt von Kristine und Kati bei der TV-Show „Die Höhle des Löwen“ gipfelte, die Umsätze auf ein Niveau von mehreren Millionen gehoben.

„Dadurch werden wir und vor allem das Thema Menstruation von Investor*innen und Unternehmer*innen, auch denen, die den 500-Millionen-Euro-Markt für Periodenunterwäsche allein in Deutschland fälschlicherweise als Nische belächelt haben, ernst genommen“, sagt Kristine. Auch hilft gesellschaftliche Anerkennung wie die Auszeichnung als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ dabei, die Periode der Frau zu enttabuisieren. „Der Titel der Bundesregierung ist für uns daher etwas ganz Besonderes“, sagt Kristine. „Bei der Verleihung haben wir realisiert, was wir da schon geschafft haben – das war sehr emotional.“ Ganz ähnlich erging es auch den Titelträgerinnen Christin Marczinzik und Thi Binh Minh Nguyen. Das deutsch-vietnamesische Frauenteam hat vor einem Jahr ebenfalls die Gründung gewagt: Das Kreativstudio A.MUSE in Halle an der Saale macht genau das, was der Firmenname – ein Wortspiel aus den Begriffen „Muse“ und dem englischen Wort „amuse“ – verspricht: inspirieren und unterhalten, mit den Mitteln interaktiver Multimedialösungen.

"Gerade der in der Tendenz etwas empathischere Blickwinkel von Frauen ist bei solchen Design von Social-Change-Projekten wichtig und gefragt."

„Wir bewegen uns mit unseren Projekten an der Schnittstelle von Kunst, Design – und Technologie“, sagt Minh. Ein Feld, das noch hauptsächlich von Männern dominiert wird. „Noch – wir ändern das gerade“, sagt Christin und grinst. „Zumindest scheinen wir einen guten Riecher für gefragte Installationen zu haben.“ Was stark untertrieben ist: Gleich ihre erste Zusammenarbeit, die „Swing VR-Schaukel“, ein Projekt innerhalb ihres Masterstudiums Multimedia Design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ging quasi auf Welttournee. Die Installation besteht aus einer normalen Schaukel, auf die man sich mit einer VR-Brille setzt, in der ganze VR-Welten hinterlegt sind. „So kann man sich schaukelnd durch den Raum bewegen und mit jedem Schwung weiter nach oben fliegen bis ins Weltall, während man bei Auspendeln wieder langsam zurückschwebt,“ sagt Christin. In Sao Paulo, dem Silicon Valley und Las Vegas und auf vielen Messen und Events haben die Swing VR Schaukel und ihre Kunstinstallationen  schon Station gemacht und dabei zahlreiche Preise gewonnen.

Solche Installationen, die sinnliches Erleben und Cutting-Edge-Technologie zusammenbringen, bietet A.MUSE als Dienstleistung für Firmen, Museen und Bildungseinrichtungen an. Das zweite Standbein der beiden Multimedia-Künstlerinnen ist das Projekt „Songs of Culture“. Hier entwickeln die beiden Gründerinnen ein aufwändig illustriertes Liederbuch, in dem die Texte auf Deutsch und Vietnamesisch zu lesen sind. Per zugehöriger Smartphone App mit Augmented-Reality-Funktion kann man in die Liederwelten eintauchen: Singende Tiere, handgemachte 3D-Objekte und witzige Animationen vermitteln spielerisch Sprach- und Kulturverständnis.. „Meine Tochter liebt den Prototypen – sie singt und klatscht“, sagt Minh. Mit weiteren Sprachen und zusätzlichen Funktionen soll aus dem Projekt später dann ein skalierbares Produkt werden. „Gerade der in der Tendenz etwas empathischere Blickwinkel von Frauen ist bei solchen „Design von Social-Change“-Projekten wichtig und gefragt“, sagt Minh. „Der Bereich ist gerade im Kommen und bietet gute Chancen für technikaffine Gründerinnen.“

Auch im eeden wird daran gearbeitet, den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Der Co-Creation Space und Diskursraum bringt visionäre Frauen zusammen, um gemeinsam eine gerechtere und glücklichere Welt für alle zu gestalten.. „In eeden sollen Menschen zusammenkommen, um zu denken, zu reden, umzudenken und neuzudenken und so neue Sachen in die Welt zu bringen – das können Initiativen, Veranstaltungen oder neue soziale Businessmodelle sein“, sagt eeden-Co-Gründerin Jessica Louis. Seit der Auszeichnung als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“, schreitet das Projekt mit großen Schritten voran: Die Arbeiten an den Räumlichkeiten laufen noch, aber Nürsen Kaya aus dem vierköpfigen eeden-Kernteam, dem neben Jessica Louis auch noch Kübra Gümüşay und Onejiru Arfmann angehören, kommt schon jetzt nicht mehr aus dem Schwärmen heraus: „Im Eingangsbereich sind die Decken sieben Meter hoch, das hat ein bisschen etwas von einer Kathedrale, wir haben mehrere kleinere Räume, größere Studios und einen Innenhof – gesellschaftliche Arbeit ist so wichtig und hat sich einen solch tollen Ort wirklich verdient.“

"Dieses Modell erlaubt es uns, engagierten Frauen Raum für ihre gesellschaftlich relevante Arbeit zu geben."

Das findet offenbar auch Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, der die Schirmherrschaft für die Gründungsphase übernommen hat und eeden über die Behörde für Kultur und Medien mit 100.000 Euro fördert. Langfristig soll sich das Social Business selbst tragen. Der Plan: Ein Membership-Modell, an dessen Details das eeden-Team aktuell noch feilt. Grob erklärt, sollen monatliche oder jährliche Förderungen von Unternehmen, die auf der eeden-Wellenlänge liegen, die Grundfinanzierung sichern. Die Förderer*innen können dann in eeden im Gegenzug zum Beispiel Veranstaltungen durchführen. „Dieses Modell erlaubt es uns, engagierten Frauen Raum für ihre gesellschaftlich relevante Arbeit zu geben“, sagt Nürsen. „Wir fördern die eeden-Bewohner*innen dann über unseren gemeinnützigen Verein und diese bezahlen im Gegenzug einfach mit ihren Arbeiten. Denn die sind am Ende entscheidend für unseren Impact.“

Das innovative Modell ist aus den Sessions mit den Coaches aus dem aktuellen Kultur- und Kreativpiloten-Programm erwachsen.. „Wir kommen da jedes Mal sehr glücklich von den Workshops zurück“, sagt Jessica. „Die Auszeichnung als Kulturpilot*innen ist für uns echt Gold wert.“ Rund zehn Förderer*innen sucht eeden noch. Damit könnte das Team langfristig 30 Plätze „im schönsten Co-Creation-Space, den man sich vorstellen kann“ zur Verfügung stellen. Plätze, bei denen es nicht nur um Geld geht, sondern vor allem darum, dass motivierte Leute zusammen Gutes für die Gesellschaft bewirken. „Mit eeden gehen wir den Fragen nach: Wie sieht eine lebenswerte Zukunft und Gesellschaft aus? Wie wollen wir selbst leben?“, sagt Jessica.

Viele weibliche Unternehmerinnen schlagen bei ihren Gründungen andere Wege als ihre männlichen Mitstreiter an – und das ist gut so. Das Potential von Entrepreneurinnen, gesellschaftliche und soziale Themen unternehmerisch zu etablieren, wird in den kommenden Jahrzehnten richtungsweisend sein. Um den Anteil von Gründerinnen aktiv zu heben, braucht es neben spezifischen Förderangeboten und arbeitsmarkttechnischen Anpassungen jedoch vor allem eines: Sichtbarkeit. Erfolgreiche Gründerinnen brauchen Bühnen und Vernetzungsmöglichkeiten, die ihren Unternehmen entsprechen. Werden diese Aspekte in Zukunft verstärkt forciert, wird auch in der Startup-Szene zeitnah mehr Geschlechtergerechtigkeit entstehen – eine echte Bereicherung für die gesamte Gesellschaft. Motivierten Nachwuchs gibt es zweifelsohne genug!

Bilder: neonbrand unsplash, Rok Trzan, Lindsey Lamont unsplash, Christian Freitag, A.MUSE, Matthias Arfmann, William Veder.

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