Expert*innenbeitrag: Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Krisennavigation der Zukunft nutzen
Expert*innenbeitrag: Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Krisennavigation der Zukunft nutzen
Die Zukunft ist schon jetzt riskant Ein Gastbeitrag

Die Zukunft ist schon jetzt riskant Ein Gastbeitrag

Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Krisennavigation der Zukunft nutzen

 

Wir stecken in der Krise. Oder besser gesagt: das Klima, die globale Gesundheit, politische Systeme. Groß angelegte Rettungs- und Präventionsmaßnahmen demonstrieren derweil nicht nur die enorme Anpassungsfähigkeit von Menschen und Organisationen. Mehr als alles andere werfen sie übergeordnete Fragen auf: Ist die Krise der neue Dauerzustand? Können wir sie, oder zumindest ihre extremen Auswirkungen, verhindern? Und wie sieht das Krisen- und Risikomanagement der Zukunft aus? (gekürzte Fassung)

Krisen als eine Form der Unsicherheit gehören zu den elementaren Bestandteilen des unternehmerischen Handelns innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft. Das liegt daran, dass die Akteur*innen der Branche häufig aus eigener Motivation heraus Lösungen für bestimmte Themen entwickeln, aus denen sich schließlich ein Geschäftsmodell formt.

Ihren Innovationsreichtum und ihre Schnelligkeit bewiesen sie dabei diverse Male auch in den vergangenen Jahren, wenn es um die Digitalisierung von Kulturveranstaltungen ging, die Infrastruktur des Corona-Managements oder Maßnahmen zur Stärkung von Demokratie und gesellschaftlicher Teilhabe.

Die Branche wäre also im Grund die ideale Parnter*in, um als systemische Krisennavigation bei gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie politischen Fragestellungen eingebunden zu werden.

Eine Krise ist eine Krise ist eine Krise

Krisen hat es schon immer gegeben, jedoch waren sie nie so präsent wie heute. Das Zeitalter der sozialen Medien hat dazu geführt, dass die Auswirkungen bestimmter Krisenzustände weltweit schneller und unmittelbarer sichtbar werden, zum Beispiel durch persönliche Live-Videos betroffener Personen, die aus erster Hand berichten, was um sie herum geschieht. (…)

Aufgrund der unbehaglichen Natur der Krise tendieren wir dazu, ihr gänzlich aus dem Weg gehen zu wollen. Vorrangig geht es daher beim Handeln und in der Kommunikation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft darum, Krisen bestmöglich zu überstehen, um zum Status Quo zurückkehren zu können und von dem Moment an weitere Krisen zu vermeiden. Das Stichwort ist Sicherheit. Systemtheoretiker Niklas Luhmann bezeichnet diese in “Soziologie des Risikos” jedoch als Illusion. Denn mit jeder Entscheidung erhalte man in ebenfalls ein Risiko, das es abzuwägen gilt. Eine “sichere” Entscheidung sei unmöglich, lediglich eine Unterscheidung zwischen Risiko, dem möglichen Schaden durch die eigene Entscheidung, sowie der Gefahr, dem möglichen extern verursachten Schaden könnte getroffen werden. Auch Soziologe Andreas Reckwitz erwähnt diesen Zugzwang in “Gesellschaft der Singularitäten”, in dem er der modernen Gesellschaft einen “Zustand der Dauerkrise” diagnostiziert.

Wenngleich die theoretischen Grundlagen auf den ersten Blick dystopisch oder aussichtslos wirken, so offenbart sich bei genauerem Hinschauen ihre positive Perspektive. Auch wenn es keine konstante Sicherheit geben kann, so eröffnet eine jede Entscheidung die Möglichkeit zu etwas Neuem und Gelungenen. Dies zu begreifen und den ideologischen Sicherheitsbegriff gegen die zukunftsgewandte Chance zu tauschen, stellt somit die große Herausforderung des gegenwärtigen Krisenmanagements dar.

Wie handelt man nun auf einer solcher Grundlage? Krise, Risiko und Gefahr machen es nicht gerade einfach. Hinzu kommt die Erwartung, bestimmte Entscheidungen anhand von Voraussagen in der Gegenwart zu belegen und zu rechtfertigen. Ein Gefühl von Absicherung und verlässlicher Zukunftsvorhersage wird eingefordert.

Doch so verlässlich und fundiert wie manche Prognosen oder Trends auch wirken mögen: Sie bleiben letztendlich theoretische Konstrukte.

(…)

Das “Schweizer Kreuz” des Research Venture Creative Economies von Christoph Weckerle und Simon Grand illustriert, wie Unternehmer*innen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft eine dynamische und bei Zeiten sogar paradoxe Position innehaben. So agieren sie nicht nur als Akteur*innen der eigenen Branche, sondern setzen durch ihre gesellschaftlich relevanten Ansätze und Wertschöpfungen ebenso übergeordnet Impulse in Wirtschaften und angedockten politischen Systemen. Dies spiegelt sich auch in der Output-Dimension wider: Die Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft kreieren neben konkreten Produkten und Dienstleistungen auch Impact und soziale Innovation. Wer, wenn nicht sie, sollte also in Zeiten der Ungewissheit einbezogen werden?

Ein Plädoyer für risikofreudige Kollaborationen

(…)  Die Kultur- und Kreativwirtschaft besitzt die Expertisen, um für komplexe Fragestellungen zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln. Sowohl in Form von unternehmerischen Innovationen, als auch gesamtgesellschaftlichen Mehrwerten. Die Branche kann jedoch nicht aus sich allein heraus ihr volles Potenzial entfalten. Es braucht das Verständnis von anderen Wirtschaftsbranchen sowie der Politik in Form von langfristig angelegten Förderprojekten, damit die Kultur- und Kreativwirtschaft ihre Leistung in voller Bandbreite entwickeln kann. Sei es die integrative Kollaboration mit der Kultur- und Kreativwirtschaft in allen Bereichen, ein eigenes Bundesministerium oder ein generationell angelegter Kreativfonds –Krisen und Unsicherheit brauchen ein zukunftsfähiges Reframing. Mehr Angst vor dem Stillstand und viel mehr Mut zum Risiko.

 

Den ganzen Artikel und weitere Beiträge zum Thema „Learnings aus der Pandemie“ auf www.kreativ-bund.de/magazin

 

Felix Jung ist freier Journalist und Experte für Popkultur. Er lebt und arbeitet aktuell in Brüssel. Diesen Artikel hat er im Auftrag des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes für das Magazin des Kompetenzzentrums verfasst (www.kreativ-bund.de/magazin)