Die Wirkung von Neugier
Die Wirkung von Neugier

Die Begriffe „Scheitern“ und „nichttechnische Innovation“ haben sehr viel miteinander zu tun, betrachtet man die Wirkungsweisen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Zukünftig und mit einer Neudefinition könnten sie auch an Bedeutung gewinnen. Gute Nachricht für die Kultur- und Kreativwirtschaft: Ein neues Pilotprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums will genau solche Innovationen vorantreiben.

Die Wirkung von Neugier

Die Begriffe „Scheitern“ und „nichttechnische Innovation“ haben sehr viel miteinander zu tun, betrachtet man die Wirkungsweisen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Zukünftig und mit einer Neudefinition könnten sie auch an Bedeutung gewinnen. Gute Nachricht für die Kultur- und Kreativwirtschaft: Ein neues Pilotprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums will genau solche Innovationen vorantreiben.

Die Wirkung von Neugier

Kaum jemand kann die Dramatik, aber auch die Unumgänglichkeit des Scheiterns so treffend beschreiben wie der israelische Systembiologe Uri Alon.

Nie wird er vergessen, wie er zum ersten Mal Bekanntschaft mit jenem seltsamen Ort machte, der ihm im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere immer vertrauter werden sollte. Es war während seiner Promotion, vor fast 25 Jahren. Er hatte sich hoffnungslos im Gestrüpp seiner Experimente verheddert. „Was auch immer ich versuchte, es führte mich nur in die nächste Sackgasse“, erinnert sich Alon, heute Professor am Weizmann-Institut im israelischen Rechovot. „Ich fühlte mich wie ein Pilot, der sein Flugzeug völlig ohne Orientierung durch dichten Nebel steuert.“

Er gab diesem seltsamen Ort einen Namen: „The Cloud – Die Wolke“. Sie gehört für ihn heute genauso zur wissenschaftlichen Forschung wie These und Experiment, hält sozusagen Wacht an der Grenze zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir nicht wissen. Der Weg zu neuem Wissen, ist Alon überzeugt, führt häufig durch eine extrem frustrierende Phase, in der nichts zu gelingen scheint. Orientierung und Sicherheit gehen verloren, Angst macht sich breit. Und das Experiment scheitert schon wieder.

Der Forscher realisiert gar nicht, dass sein Experiment möglicherweise auf eine besonders interessante Art gescheitert ist. Es führt nämlich zu einem Resultat, mit dem der Forscher nicht gerechnet hat und mit dem er zunächst auch überhaupt nichts anfangen kann. „Er hat, ohne es zu wollen, neues Wissen zu Tage gefördert. Dass die Antwort quasi vor ihm liegt, erkennt er nicht – weil er sich in der Wolke befindet.“ Die Antwort, auf die das Experiment ursprünglich ausgerichtet war, gehört zum Bereich des gesicherten Wissens, das erzielte Resultat aber ist – neues Wissen.

Der weltweit anerkannte Biologe ist überzeugt, dass sich das, was er an sich selbst beobachtet hat, genauso bei Politikern oder Managern finden lässt, bei Künstlern und Kreativen – „eigentlich überall, wo Menschen auf der Suche nach innovativen Lösungen sind, nach Durchbrüchen, sie aber mit ihrem bis dato gesammelten Erfahrungswissen ein ums andere Mal gegen eine Wand prallen“.

Auch Unternehmer*innen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft stecken, betrachtet man es von außen, oft in der Cloud fest. Scheinbar gescheitert, das Vorhaben zerschellt, das Ziel verfehlt. Derartiges Scheitern gilt bislang meist als Ausweis des Versagens: Er*Sie hat es nicht hingekriegt. Auch öffentliche und private Geldgeber*innen setzen meist auf das Erreichen zuvor definierter Ziele; Projekte, die den Geruch verströmen, dass sie grandios oder kleinmütig scheitern könnten, finanzieren sie äußerst ungern. Kein Wunder – jede öffentliche Förderung steht unter Rechtfertigungsdruck.

Die bisher verkannten positiven Seiten des Scheiterns, das Navigieren durch die „Cloud“ und eine Re-Interpretation des Begriffs „Scheitern“ waren wichtige Diskussionspunkte des Workshops „Innovations-Dialog“, zu dem das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes Ende September Vertreter*innen der Branche und öffentliche Förder*innen nach Berlin eingeladen hatte.
Ein*e Teilnehmer*in nahm nach dem Prinzip „Put yourself in the other man’s shoes“ gedanklich die Position der öffentlichen Geldgeber*in ein: „Wenn von 30 geförderten Projekten 27 voll gegen die Wand fahren, ist die Position des Ministeriums bei der Entscheidung über die Neuauflage des Programms wohl nicht besonders gut.“

Warum Scheitern wichtig ist
Das Problem beginnt schon bei der Begrifflichkeit. „Scheitern“ ist negativ behaftet. Notwendig sei ein Reframing des Begriffs, so der Tenor, „Kultur der Neugier“ zum Beispiel passe besser. „Scheitern oder zumindest seine Inkaufnahme ist doch Voraussetzung für Innovation. Scheitern ist Ausprobieren, Scheitern ist Experiment. Und ohne Experiment keine Innovation.“ Das hat sich längst auch in Konzernen herumgesprochen, all die schnellen Innovationsbrüter, die Labs und Akzeleratoren künden davon – wobei im berüchtigten Elevator Pitch in der Regel doch wieder jene Projektideen aussortiert werden, die mit dem größten Risiko des Scheiterns behaftet sind.

Allerdings reiche es nicht, einfach nur zu sagen „Scheitern ist super!“ „Jeder hier in diesem Raum ist so konditioniert, möglichst nicht zu scheitern“, beschreibt es ein Teilnehmer. „Das sitzt ganz tief. Das ändert sich nicht mit einer Ausschreibung, in der steht, dass nur derjenige gefördert wird, der auch mal mit einem Projekt gescheitert ist.“ Eine Neuinterpretation des Scheiterns eröffne einen neuen Blick auch auf die Akteur*innen, auf potenzielle Innovator*innen. Auf Menschen etwa, die nach den bisher gängigen Maßstäben gescheitert sind. „Ich glaube, dass beispielsweise Bildungsverweigerer und Bildungsverlierer ein großes Innovationspotenzial haben“, gab ein anderer Teilnehmer zu bedenken. „Solche Leute müsste man sich in Zukunft mal genauer anschauen.“

Das Experiment, das definitionsgemäß auch misslingen kann, steckt in den Genen der Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Besonders offensichtlich ist das in der Kunst: Keine Neuinterpretation eines Chopin-Klavierstücks, keine off-mainstream-Theateraufführung, kein Gemälde, das sich nicht dem Urteil des Publikums stellen muss. Und das legt ganz andere Bewertungskriterien an als beispielsweise ein*e Investor*in, für den*die nur der Return on Investment zählt. In der Kunst zählt das Geschmacksurteil, die Emotion, das unmittelbar Erlebbare, Bewegende, Mitreißende, möglicherweise auch Irritierende oder Abstoßende.

Kaum einmal fällt bislang der Blick auf den Mehrwert, den das Misslingen eines Experiments zu Tage bringt. „Man hat eine App programmiert, die sich zwar nicht gut verkauft, aber trotzdem etwas daraus gelernt“, hieß es aus dem Teilnehmer*innenkreis, „man hat Leute ausgebildet, deren Wissen künftig weiter genutzt wird oder einen Code geschrieben, den man weiter verwenden kann. Und man hat eine Menge darüber gelernt, was man in Zukunft nicht mehr machen würde.“ Eine Abstimmung über die Frage „Lernt man aus einem Scheitern mehr als aus einem erfolgreich abgeschlossenen Projekt?“ hätte an diesem Punkt zu einem klaren Ergebnis geführt.

Kreative Innovation als Wertschöpfung
Die Diskussion über die Bedeutung des Scheiterns für die Innovation war direkt verknüpft mit der Suche nach Antworten auf die Frage, was „nicht-technische Innovation“ ist und welchen Humus sie benötigt. Eine für die Kultur- und Kreativwirtschaft existenzielle Frage, denn die von ihr hervorgebrachten Innovationen sind mehrheitlich nicht technisch. Die Förderpolitik wiederum, das bestätigten die angereisten Vertreter*innen des BMWi, sei bisher fast allein auf technische Innovation ausgerichtet, „outputorientiert und nach messbaren Ergebnissen suchend“.

Vielleicht sind die Fürsprecher*innen nicht-technischer Innovation aber auch bei der Auswahl der Begrifflichkeit nicht gut beraten. Der sperrige Begriff irritiert. „‚Nicht-technisch‘ definiert sich durch einen Mangel“, sagte Julia Köhn, Projektleiterin im Kompetenzzentrum, „durch das Fehlen von Technik-Kompetenz.“ „Technisch kriegen sie nichts auf die Reihe, also machen sie halt so nettes Wohlfühl-Zeugs“, fügte ein Teilnehmer hinzu. Gemeint sei aber nicht, so Julia Köhn, „dass etwas fehlt, sondern es geht um einen anderen Zugang zur Innovation – „menschen- und erlebniszentriert statt technologiefokussiert.“

Zeigt, was ihr drauf habt
Vielleicht war das wichtigste Ergebnis des Workshops das – durch die Debatte über Innovation angestoßene – deutlich spürbare Bedürfnis nach einer Neujustierung der Selbstpositionierung der Branche. „Die Kreativen dürfen sich nicht damit zufrieden geben, dass sie am Schluss eine schöne bunte Schleife um das herumbinden, was die Tekkies entwickelt haben“, spitzte Julia Köhn die Diskussion zu.

Sie müssen mit ihren (Innovations-)Kompetenzen „raus aus der Muschel, raus aus der Komfortzone, raus aus der Filterblase“, so der eindringliche Mahnruf. „Wir müssen rein in die traditionelle, etablierte Industrie und dort unseren Impact erzielen.“ Die Abgesandten des BMWi nahmen den Appell mit in den Feierabend, mit ihrer Förderung für mehre Sichtbarkeit der Branche zu sorgen und beispielsweise „Leuchtturmprojekte“ zu fördern, die stärker als bisher in etablierte Branchen hineinwirken.
Die Vertreter*innen des Ministeriums waren übrigens nicht mit leeren Händen ins Kompetenzzentrum gekommen. Sie brachten die gute Nachricht mit, dass ihr Haus – primär mit Blick auf die Kultur- und Kreativwirtschaft – das „Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen“ aufgelegt hat, ein 25 Millionen Euro schweres Pilotprogramm, mit dem künftig nicht-technische Innovationen vorangetrieben werden sollen.
Der Anfang ist gemacht.

Foto: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes
Text: Andreas Molitor
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Andreas Molitor lebt als Wirtschaftsjournalist in Berlin. Als freier Autor von Wirtschaftsreportagen, Porträts, Reports und Feature, schreibt er vor allem für das Wirtschaftsmagazin brand eins- Des weiteren arbeitet er u.a. für ZEIT Online, die Berliner Zeitung, Capital, Brigitte, GEO, DeutschlandRadio und den WDR. 

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