Gendern
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Reflexion versus Stillstand Was gendergerechte Sprache und kreative Innovationen eint

Reflexion versus Stillstand Was gendergerechte Sprache und kreative Innovationen eint

Wir haben zur aktuellen Genderdebatte einen sehr persönlichen Bezug, der auf den ersten Blick nichts mit dem Gendern zu tun hat, das Problem jedoch gut trifft. Denn das, was wir gerade in der Berichterstattung und gesellschaftlichen Debatte zu diesem Thema mitverfolgen können, ist etwas, das uns aus unserer täglichen Arbeit bekannt ist: Es geht um die Sichtbarmachung von Nischen, dem Anderen oder dem Unerwarteten, Unvertrauten. Warum das wichtig ist? Weil sonst nichts Neues entstehen kann!

Ein Mantra für Innovation

Dinge sichtbar machen, deren Relevanz in der Breite noch nicht angekommen ist, damit kennen wir uns aus. Seit bald 15 Jahren rücken wir die Kultur- und Kreativwirtschaft erfolgreich in den Fokus von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, zeigen die wichtigen Potenziale von Kreativen und Sozialen Innovationen auf und tragen die Methoden kreativen Unternehmer*innentums in die Welt. Wir haben diese Themen konsequent in die Wahrnehmung derjenigen gerückt, die von alleine nicht darauf gekommen wären, ihren Horizont in diese Richtung zu erweitern.

Über 2/3 dieser Menschen ist uns heute dankbar dafür, dass wir nicht lockergelassen haben und ihnen die Vorteile gezeigt haben, die in der Kollaboration und Anwendung mit und aus der Kultur- und Kreativwirtschaft liegen. Dabei sprechen wir von branchenübergreifenden Wirkungsfeldern wie dem Zusammenspiel von Digitalisierung und Kreativwirtschaft oder den zahllosen Innovationen in Themenfeldern wie Nachhaltigkeit, Gesundheit und Bildung. Kreative Innovationen haben mittlerweile auch in vielen anderen Bereichen Einzug gehalten wie z. B. in Organisationsstrukturen, Verwaltung oder Entwicklungsprozessen.

„Wenn man die Zukunft gestalten will, muss man Möglichkeiten außerhalb der etablierten Strukturen schaffen wollen“, betont Sylvia Hustedt, Geschäftsführerin des u-instituts. „Wir wiederholen fast schon mantramäßig, wie wichtig es ist, nicht in alten Kategorien zu denken, sondern das Neue zuzulassen. Sonst bleibt der Erfolg langfristig aus.“

„Wir wiederholen fast schon mantramäßig, wie wichtig es ist, nicht in alten Kategorien zu denken, sondern das Neue zuzulassen. Sonst bleibt der Erfolg langfristig aus.“

Gendern und die Komplexität der Gegenwart

Mit dem Diskurs um gendergerechte und -sensible Sprache verhält es sich ähnlich. Das ehemalige Konstrukt zweier Geschlechter und daran angegliederten Lebensentwürfe hält der Gegenwart nicht mehr stand. Das 21. Jahrhundert ist um ein Vielfaches komplexer und vielfältiger. Was im Kontext Gender an Diskussionen stattfindet, betrifft im Kern auch die Ausgestaltung von Berufsbildern sowie die Aufstellung von Unternehmen hinsichtlich Antidiskriminierung. Es geht um das Hineintragen von innovativen Denk- und Handelsansätzen in jene Branchen, Organisationen und Gruppen, denen die entsprechende Relevanz bisher unerschlossen bleibt. Eine selbstkritische Reflexion darüber, das alte Gelernte zu überdenken, um daran zu wachsen und zeitgemäß Entscheidungen zu treffen. Als Branche, die jeher von gesellschaftlichem Aktivismus und dem Willen zur Veränderung getrieben ist, fällt es der Kultur- und Kreativwirtschaft grundsätzlich leichter, Denkanstöße und ganze Paradigmenwechsel schnell und sinnstiftend anzunehmen.

Die vielschichtige Realität der Postmoderne produziert nicht nur Bedarfe für neue Berufe, gar ganze Branchen, sie bezieht sich auch auf die persönliche und soziale Ebene, in der Identität neu konzeptualisiert und gesellschaftlich eingefordert wird.

Warum Wandel so schwierig bleibt

Was von den einen interessiert aufgenommen und umgesetzt wird, ruft bei anderen, vielen, Empörung und eine erstarkte Liebe zum Konservatismus hervor. Warum ist es aber so, dass die Mehrheit etwas ablehnt, das sie nicht kennt? Warum fällt es so schwer, das Neue zuzulassen?

„Wenn wir dem Anderen keinen Raum geben, kann auch nichts Neues in die Welt kommen“, sagt auch Christoph Backes, der ebenfalls Geschäftsführer im u-institut ist und gemeinsam mit Sylvia Hustedt seit 2008 zu den wenigen Expert*innen für kreative Innovation und Unternehmer*innentum in Deutschland gehört. „Das Problem ist, dass noch viel zu oft alte Strukturen bedient werden und dadurch wichtige Einflüsse nicht gehört oder zugelassen werden.“

Ein Beispiel dafür sind zum Beispiel die etablierten Berufe oder Berufsbezeichnungen. Betrachtet man Akteur*innen aus dem Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft navigieren diese in Feldern und Strukturen, für die das etablierte System nicht genügt. „Wir müssten 100 neue Berufe etablieren, um auf aktuelle Herausforderungen adäquate Lösungen zu bieten“, erklärt Sylvia. „Das passiert aber viel zu langsam, weil die bestehenden Strukturen dafür keinen Platz haben.“

Obwohl die spannendsten Lösungen und Geschäftsideen – z. B. für die veränderte Situation seit Corona – von Menschen kommen, die zwingend aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation eine Idee erfolgreich in die Umsetzung bringen, sondern aus ihrer intrinsischen Motivation und dem Antrieb etwas gestalten und ändern zu wollen. Innovationsförderprogramme, Maßnahmen in der Corona-Pandemie, Gründer*innen-Unterstützungen beginnen sich gerade für dieses große Feld zu öffnen und aufzustellen.

Ob Strukturwandel, neue Berufsfelder oder Identitätskomplexität – Wir leben in spannenden Zeiten, die Offenheit und Flexibilität von uns verlangen. Innovative Zukunftsgestaltung und individuelle Weiterentwicklung sind Themen, die sowohl für Unternehmer*innen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft als auch gesellschaftlichen Aktivismus höchste Priorität haben.

Als u-institut ist es die Symbiose dieser beiden Felder, die die Wirtschafts- und Gesellschaftstransformation derzeit so spannend machen, während sie gleichzeitig zur Tatkraft mahnen. Schon jetzt ist es schwierig, mit allen kontemporären Entwicklungen Schritt zu halten. Was wir in Deutschland brauchen, ist daher Mut zu Reflexion und Fortschritt. Und deutlich weniger Stillstand.

 

 

Text: Felix Jung, Katja Armbruckner